SKIN & SCIENCE

Blickpunkt Bindegewebe

Sich dem Bindegewebe zu widmen, ist derzeit aktueller denn je. Denn Faszien sind ein angesagtes Gesprächsthema. Sie werden in Kursen gerollt und in den Medien diskutiert. Ein guter Zeitpunkt, die Bindegewebsmassage zu beleuchten.

Veröffentlicht am 25.03.2021

Das grösste zusammenhängende Ganze im Körper ist unser Bindegewebe. Eigentlich unfassbar, was da alles in unserem Organismus passiert. Dieses elementare, komplexe System des Bindegewebes bildet und umfasst alle Organe, es umschliesst sie und beschützt sie mit aller Kraft. Das detailliert beschreiben zu wollen, würde wohl ein dickes Buch füllen. Also versuche ich nur, einen kurzen Überblick zu geben.

Jeder kleinste Platz im Organismus wird ausgefüllt mit einer Zellflüssigkeit, in der Zellen frei herumschwimmen. Diese Zwischenzellflüssigkeit ist in ihrer Zusammensetzung identisch mit dem Meerwasser. Die salzige Flüssigkeit beherbergt verschiedenste Zellen, die sich unterschiedlich ausbilden können, woraus dann das Bindegewebe entsteht. Das Gerüst für die Entwicklung des gesamten Körpers wird von Geburt an in dieser salzigen Flüssigkeit entwickelt.

Unser Bindegewebe umhüllt alle Organe und alle Körperteile. Auch die kleinsten Muskeln und Bänder werden eingehüllt und ummantelt mit dieser Substanz. Alle Körperorgane stehen in Verbindung mit allen Zellen – das sorgt für Beweglichkeit. Die Zellen können die Wände versorgen, Verbindungen schaffen und jederzeit wichtige Aufgaben übernehmen. Das Bindegewebe mit all seinen Zellen verbindet quasi alle Systeme miteinander.

Ein Beispiel: Jeder einzelne Muskel, egal ob er klein oder gross ist, wird je nach Beschaffenheit, innen und aussen, immer mit der Flüssigkeit ernährt. Was nicht an Ort und Stelle gehört, wird ausgeleitet. Jeder Teil, z. B. die Gelenke, werden von Ablagerungen befreit. Gesundes Gewebe ist in der Lage, alle Stoffwechselendprodukte und Giftstoffe zu entfernen, die dort nicht hingehören. Sie werden über die Zwischenzellflüssigkeit abtransportieren. «Schlackenstoffe» werden durch das gesunde Gewebe aus den Gelenken, aus den Muskeln, aus allen Ecken – und somit aus dem Körper entfernt. Das ist Stoffwechselarbeit: Alle verbrauchten Zellen sollen raus – und neue rein. Das Bindegewebe hat die grosse Aufgabe, alles im Gleichgewicht zu halten. Ist das Bindegewebe nicht im Gleichgewicht, das Störfeld zu gross und das Bindegewebe überfordert, wird aus der guten Zellzwischenflüssigkeit eine dicke, klebrige Masse, die die Organe belastet.

 

Die Balance beibehalten

Viele Erkrankungen sind oft nur die Auswirkung einer vorangegangenen Störung im Gewebe. Der Lebensfluss wird gehemmt. Und: Alles Leben fliesst. Bei Wunden wird eine Verletzung durch Narbengewebe verschlossen. Netzartiges Bindegewebe umschliesst die Wunde. Nur durch lockeres, bewegliches Bindegewebe kann der kranke Organismus wieder ins Gleichgewicht kommen. Über 70 Prozent der Zwischenzellflüssigkeit muss beweglich bleiben, ansonsten kann das kranke Gewebe in der verdickten Flüssigkeit nicht wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Wenn im Wasserhaushalt zu wenig Flüssigkeit vorhanden ist, lagern sich Fremdstoffe ab; in der Folge ist kein Weitertransport möglich. Das Fettgewebe sammelt sich an verschiedenen Körperteilen an und hemmt den Abtransport. Durch seine Dehnbarkeit ist das Bindegewebe der ideale Wasserspeicher. Ist die Wasserspeicherkapazität im Organismus erschöpft, kommt es zu Wasseransammlungen im Gewebe. Der Körper schafft es nicht, diese Wasseransammlungen zu entfernen. Dann benötigt das Bindegewebe Unterstützung. Aus diesem Grund wurde die Bindegewebsmassage entwickelt. Was ist dabei wichtig?

  • Dem Organismus viel Flüssigkeit anreichen: Dadurch kann man den Wasserhaushalt wieder in Balance und zum Fliessen bringen.
  • Die Herz- und auch Nierenaktivitäten kräftigen.
  • Für eine Verteilung der Nährstoffe im Körper sorgen: durch den Abtransport der Schadstoffe (Wasserstauungen) und eine Stärkung des Immunsystems über Mineralstoffe.
  • Die Bindegewebsmassage als Selbstmassage täglich anwenden – durch Einreiben der gestauten Körperteile. Mit Bewegung sorgt man zudem für eine Auflockerung des gestauten Gewebes. Der aus der Balance geratene Organismus profititiert von Aktivitäten sowie der Zufuhr von Sauerstoff, Nährstoffen und Wasser. Ohne das Bindegewebe wäre der Körper haltlos, schwach und funktionsuntüchtig.

 

Massage des Bindegewebes

Bei Verklebung des Gewebes (Myogelosen) kann man durch die Bindegewebsmassage eine Verbesserung erreichen – eine wertvolle Technik für den Wellness- und Physiotherapie-Bereich! Die Methode wurde 1950 von Elisabeth Dicke entwickelt. Manuell wird die Bindegewebsmassage fast immer mit dem Mittelfinger und dem Ringfinger durchgeführt. Um den Zugreiz auf das Gewebe auszuüben, müssen die Massagefinger fest auf der Haut haften. Je nach der Stellung der ziehenden Finger – also abhängig davon, ob sie flach oder steiler gegen die Körperoberfläche aufgesetzt werden, ergibt sich im bearbeiteten Gewebe eine oberflächlichere oder eine tiefergehende Wirkung. Man massiert erst die oberflächlichen und danach die tieferen Muskelschichten. Der Fingerzug mit Druck auf das Gewebe löst die Anspannungen. Die Bindegewebsmassage wird auch sehr gerne im Kopfbereich angewendet. Für viele Kunden sorgen die «Anhakstriche» dort für eine sofortige Erleichterung.

 

Gute Kombination

Werden Bindegewebsmassagen mit Gesichtsbehandlungen kombiniert, lassen sich auch Gesichtsnarben erfolgreich bearbeiten. Kleine Anhakstriche am Haaransatz, die Strichführung oberhalb der Augenbrauen sind dann u. a. angezeigt. Hilfreich sind auch Dehnungen der Nase (Stauungen der Nebenhöhlen). Diese Bindegewebsstriche für das Gesicht sind auch bei der täglichen Pflege daheim hilfreich: ein langsamer Fingerzug mit beiden Händen mit den Fingern (Mittel- und Ringfinger). Meine Erfahrungen mit der Methode verdanke ich Elisabeth Dicke, die sich in Eigenbehandlung körperlich selbst geholfen hat und ihre Massagetechnik dazu nutzte, dass ihr eigentlich zu amputierendes Bein erhalten werden konnte. Elisabeth Dicke konnte aber nicht nur sich, sondern auch anderen dabei helfen, schwere Leidenszustände zu verbessern oder gar eine Heilung zu erreichen. Der Erfolg war auch deshalb so gross, weil die damals neue Arbeitsmethode mit geschickten Händen und von einem gütigen Menschen ausgeübt wurde. Trotz jeglicher Widerstände verfolgte Elisabeth Dicke gezielt ihre Arbeitsweise. Mittlerweile ist die Bindegewebsmassage eine anerkannte Massagetechnik. Auch ich selbst habe mit den Erfahrungen Elisabeth Dickes meinen Körper wieder stabilisieren können. Das zeigt, dass es sich lohnt, die Methode im Gedächtnis zu haben – und aktiv zu nutzen.

 

Einige wichtige Zellen des Bindegewebes

  • Das retikuläre Bindegewebe bildet ein Schwammwerk, dessen Gerüst im Wesentlichen aus Verbänden von Retikulumzellen besteht. Es handelt sich um eine spezielle Form des faserigen Bindegewebes. Die Retikulumzellen bilden mit ihren Fortsätzen ein weitmaschiges Netz. Das retikuläre Bindegewebe ist die Grundlage der Milz, der Lymphknoten, des Knochenmarkes und ist an der Bildung der zelligen Elemente des Blutes beteiligt. Es bildet einen Teil des endogenen Systems. Diese Zellen haben das Vermögen, Substanzen zu speichern und freie Zellen zu bilden.
  • Das Fettgewebe: Fettzellen bilden sich meistens im retikulären Gewebe in der Umgebung von kleinen Blutgefässen. Die Zellen sind mit Tropfen von Neutralfett gefüllt und besitzen eine Kugelform. Fettgewebe spielt in physiologischer Hinsicht eine grosse Rolle. Wo Fettzellen angesammelt sind, lagern sich neue Fettzellen dazu.
  • Das fibrilläre Bindegewebe: Das fibrilläre Bindegewebe enthält ausser den Zellen kollagene und elastische Fasern. Man unterscheidet das lockere Bindegewebe zwischen Haut und Muskulatur und zwischen den Muskelbündeln. In ihm sind die Gefässe und Nerven eingebettet. Es verknüpft alle Teile miteinander und lässt grosse Verschiebungen zu.

Das straffe, geformte Bindegewebe hält die Fasern gemäss der mechanischen Beanspruchung ausgerichtet: entweder in paralleler Anordnung oder scherenartig ineinandergreifend oder sich durchflechtend – je nachdem, ob es sich um Sehnen und Bänder, Organkapseln oder die Lederhaut handelt.

 

 

Autorin:
Brigitte Stelle ist seit 1966 mit einer eigenen Praxis als Kosmetikerin, medizinische Fusspflegerin und Sport-Physiotherapeutin in Mainz tätig. Seit mehr als 30 Jahren engagiert sie sich als Ausbilderin im Bereich Fusspflege/Kosmetik. Sie ist auch Referentin auf Messen

Kontakt:

brigitte.stelle@t-online.de

 

 

 

Text: Brigitte Stelle

Fotos: stock.adobe.com (1)

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